Wie viel pro Trade riskieren – 1 %, 2 % oder mehr? Kaum eine Frage entscheidet so direkt über das Überleben deines Kontos, und kaum eine lässt sich so klar mit Mathematik beantworten.
Die kurze Antwort: 0,5 bis 2 Prozent des Kontos
Die gängige Empfehlung lautet 0,5 bis 2 % des Kontokapitals pro Trade, und als Standard hat sich die 1-%-Regel etabliert: Du riskierst pro Position genau 1 % deines Kontos. Bei 10.000 € Kapital sind das 100 € – der Betrag, den du verlierst, wenn dein Stop-Loss ausgelöst wird. Das Risiko pro Trade ist also nicht die Positionsgröße; die kann je nach Stop-Abstand ein Vielfaches davon betragen.
Dieser Bereich ist kein Bauchgefühl, sondern das Ergebnis einer nüchternen Abwägung: Das Risiko ist groß genug, damit Gewinne dein Konto spürbar bewegen, und klein genug, damit eine völlig normale Verlustserie dich nicht aus dem Markt wirft. Was dabei „normal“ heißt, lässt sich exakt beziffern.
Die Mathematik der Verlustserien
Verluste kommen nicht gleichmäßig verteilt, sondern in Serien – auch bei guten Strategien. Bei einer Trefferquote von 50 % beträgt die erwartete längste Verluststrähne über 100 Trades etwa ln(100)/ln(2) ≈ 6,6. Anders gesagt: Wer 100 Trades handelt, muss mit sechs bis sieben Verlusten in Folge fest rechnen. Das ist kein Pech und kein Zeichen einer kaputten Strategie, sondern schlicht Wahrscheinlichkeit.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob so eine Serie kommt, sondern was sie dich kostet – und genau hier trennt sich 1 % dramatisch von 10 %. Der Kontoverlust nach sieben Verlusten in Folge beträgt 1 − (1 − Risiko)⁷:
| Risiko pro Trade | Kontoverlust nach 7 Verlusten in Folge |
|---|---|
| 0,5 % | 3,4 % |
| 1 % | 6,8 % |
| 2 % | 13,2 % |
| 5 % | 30,2 % |
| 10 % | 52,2 % |
Mit 1 % Risiko pro Trade kostet dich die statistisch zu erwartende 7er-Serie rund 6,8 % des Kontos (1 − 0,99⁷) – unangenehm, aber problemlos zu verkraften. Mit 10 % Risiko pro Trade verlierst du in derselben Serie etwa 52,2 % (1 − 0,90⁷): Dein Konto ist praktisch halbiert, obwohl weder deine Strategie noch der Markt sich verändert haben. Nur die Positionsgröße war anders. Mit dem Verlustserien-Rechner kannst du für deine eigene Trefferquote und Trade-Anzahl durchspielen, mit welchen Serien du rechnen musst und was sie dein Konto kosten würden.
Warum sich große Verluste doppelt rächen
Der Schaden endet nicht beim Drawdown selbst, denn die Erholung ist asymmetrisch: Wer 50 % verliert, braucht anschließend +100 % Gewinn, nur um den Ausgangsstand wiederzusehen – der Gewinn bezieht sich schließlich auf das geschrumpfte Kapital. Nach der 52-%-Serie aus der Tabelle müsstest du dein Restkapital also mehr als verdoppeln, bevor du überhaupt wieder bei null stehst. Die 6,8 % des 1-%-Traders gleicht dagegen schon ein Gewinn von rund 7,3 % aus. Je größer der Einbruch, desto überproportional schwerer der Weg zurück – deshalb lohnt es sich, den Einbruch von vornherein klein zu halten.
Risk of Ruin: Zu hohes Risiko ruiniert auch profitable Strategien
Die Ruin-Wahrscheinlichkeit – also das Risiko, dass dein Konto unter eine kritische Schwelle fällt, bevor sich dein statistischer Vorteil durchsetzen kann – hängt stark nichtlinear vom Risiko pro Trade ab. Das Tückische: Trefferquote und Chance-Risiko-Verhältnis kannst du nur begrenzt beeinflussen, dein Risiko pro Trade dagegen vollständig. Es ist die eine Stellschraube, die du komplett in der Hand hast, und gleichzeitig die mit dem größten Einfluss darauf, ob eine profitable Strategie ihr Potenzial je entfalten kann. Wie deine Kombination aus Trefferquote, Chance-Risiko-Verhältnis und Risiko pro Trade abschneidet, kannst du mit dem Risk-of-Ruin-Rechner konkret prüfen.
So setzt du die 1-%-Regel praktisch um
Die Umsetzung besteht aus zwei Schritten:
- Risikobetrag = Kontokapital × Risiko in Prozent
- Positionsgröße = Risikobetrag ÷ Stop-Abstand
Ein Beispiel: Dein Konto steht bei 15.000 €, du riskierst 1 %, also 150 €. Du planst einen Einstieg bei 62,00 € mit Stop-Loss bei 59,00 € – der Stop-Abstand beträgt 3,00 € pro Stück. Positionsgröße: 150 € ÷ 3,00 € = 50 Aktien. Wird der Stop ausgelöst, verlierst du planmäßig genau deine 150 €. Diese Rechnung nimmt dir der Positionsgrößen-Rechner ab – inklusive der Fälle mit Hebel oder Pip-Werten im Forex-Handel.
Wichtig ist die Reihenfolge: Der Stop gehört dorthin, wo ihn die Charttechnik verlangt – nicht dorthin, wo er eine möglichst große Position erlauben würde. Erst der Stop, dann die Größe.
Wann weniger als 1 % sinnvoll ist
Die 1-%-Regel ist ein Standard, keine Untergrenze. In drei Situationen solltest du bewusst darunter bleiben:
- Als Anfänger: Solange du deine Strategie noch nicht über viele Trades getestet hast, sind 0,25 bis 0,5 % angemessen. Das Lehrgeld bleibt klein, und die Erfahrung sammelst du trotzdem.
- Bei korrelierten Positionen: Drei offene Trades in EUR/USD, GBP/USD und Gold bewegen sich oft gemeinsam. Riskierst du je 1 %, hast du faktisch einen 3-%-Trade im Markt. Reduziere das Risiko pro Position, wenn sich deine Trades ähneln.
- In volatilen Marktphasen: Bei starken Kursschwankungen werden Stops häufiger und mit mehr Slippage ausgelöst – dein realer Verlust kann dann über dem geplanten liegen. Ein kleineres Risiko schafft Puffer.
Fazit
Riskiere 0,5 bis 2 % deines Kontos pro Trade – mit 1 % als bewährtem Standard. Die Begründung ist reine Mathematik: Eine Serie von sechs bis sieben Verlusten in Folge ist bei 100 Trades der Normalfall, und sie kostet dich mit 1 % Risiko nur rund 6,8 % des Kontos, mit 10 % Risiko dagegen über die Hälfte – mit einem Erholungsbedarf von mehr als +100 %. Wähle dein Risiko pro Trade so, dass die unvermeidliche Pechsträhne ein Ärgernis bleibt und keine Katastrophe wird.